Kaste

Der Begriff der Kaste ist keiner, der direkt aus einer indischen Sprache stammt. Ursprünglich aus dem portugiesischen ‚casta‘ oder von dem lateinischen ‚castus‘ (das nicht Vermischte) abstammend, wurde der Begriff eigentlich erst von der europäischen Wissenschaft während der Zeit der britischen Kolonialherrschaft populär gemacht.

Doch heißt das nicht im Umkehrschluss, dass die indische Gesellschaft vor der Zeit der Kolonialherrschaft nicht hierarchisch organisiert gewesen sei. Im Gegenteil! Sowohl in den buddhistischen Jatakas, als auch den für den Hinduismus bedeutsamen Veden finden sich Hinweise auf eine Unterteilung der Gesellschaft.

Im 10. Buch des Rig-Veda – dem Purusha-Hymnus- findet sich das bekannte vierteilige Varna-System. Die vedische Gesellschaft wird dabei in die folgenden vier Stände unterteilt: Brahmanen, Kshatriyas, Vaishyas und Shudras. Das Varna-System mit der Zuordnung zu vier Farben (varna bedeutet Farbe), die jeweils für unterschiedliche gesellschaftliche Aufgaben und Charaktereigenschaften stehen, ist dabei jedoch mehr ein ideologisches Konstrukt, als die soziologische Beschreibung gesellschaftlicher Realitäten zu Zeiten der Entstehung der Veden.

Wichtiger als das abstrakte Gebäude der varnas ist für die indische Gesellschaft eh der Begriff der Jati, Geburt. Das System der Jati festigt sich dabei durch die zwei Prinzipien der Endogamie, das heißt, dass nur innerhalb der eigenen Jati geheiratet wird, und der Tischgemeinschaft, wissenschaftlich Kommensalität genannt. Der Name dieser Jatis wird dabei häufig von einem Beruf abgeleitet. Die gesellschaftlichen Umbrüche und Neubestimmungen, Migration und auch der Bereich religiöser Konversion haben in der Geschichte zu Neubildungen von Jatis geführt und auch dazu, dass das Verhältnis und die Hierarchie der Jatis untereinander sich verändert hat. Das ist eines der stärksten Argumente dafür, dass die Vorstellung eines unveränderlichen von alters her festgelegten Kastensystems wenig taugt, um gesellschaftliche Entwicklungen zu beschreiben.

Doch warum gibt es nun Kasten nur in Indien, bzw. dort wo Inder und Inderinnen leben? Die Historikerin Romila Thapar spricht davon, dass drei Voraussetzungen gegeben sein müssen, damit es zu einer Kastengesellschaft kommt: 1. Soziale Unterschiede in der Gesellschaft; 2. Unterschiedlicher Zugang zu ökonomischen Ressourcen; 3. Ungleichheiten müssen in einer irreversiblen Hierarchie begründet sein, die übernatürlich legitimiert ist. Der entscheidende Faktor der Legitimation ist die Vorstellung von Reinheit und Unreinheit. Die Skala von Reinheit und Verschmutzung, die über bloße körperliche Unreinheiten hinausgeht ist ein zentrales Organisationsprinzip im Raum des Hinduismus. Das heißt Unreinheit ist unabwaschbar und unauslöschbar.

Da Reinheit und Unreinheit als soziale Interaktionsprozesse auf konkreten Begegnungs- und Tauschprozessen beruhen, so ist klar, dass das Kastensystem ein extrem ausdifferenziertes und für Außenstehende in der Regel kaum überschaubares Geflecht bildet. Kaste und Kastenzugehörigkeiten lassen sich sinnvoll nur in einem Mikrokosmos angemessen beschreiben und nur sehr schwer verallgemeinern. Heute kommen vielfältige Prozesse wie Urbanisierung, Sanskritisierung durch Dalits und ein klar festgelegtes Quotensystem und Elemente positiver Diskriminierung im Bildungssystem und im Hinblick auf den Arbeitsmarkt hinzu.

In dieser Darstellung beziehen wir uns vor allem auf:

Brigitte Voykowitsch (2006): Dalits – Die Unberührbaren in Indien, Wien: Verlag Der Apfel.

Weiterführende Literatur zum Thema Kaste:

Gavin Flood (1996): An Introduction to Hinduism. Cambridge: Cambridge University Press.

Kancha Ilaiah (1996): Why I am Not a Hindu. Kolkata: Samya.

Romila Thapar (2002): The Penguin History of Early India. From the Origins to AD 1300. New Delhi: Penguin.

Weitere detaillierte Informationen zum Thema gibt es von Uwe Skoda auf dem Informationsportal zu Südasien.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.