Schulbuchforschung zu Dalits

In der wissenschaftlichen Debatte gibt es seit den 1980er Jahren einen breiten Konsens über die Bedeutung von Schulbüchern in der Erziehung von Kindern und Jugendlichen. Eine Analyse der Schulbücher verrät viel darüber, wie eine Gesellschaft bestimmte Gruppen wahrnimmt, welche Perspektiven sie Kindern und Jugendlichen vermitteln will und welches Selbstbild für die Gesellschaft wichtig ist.

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„Die Schule hat eine wichtige und unverzichtbare Sozialisationsfunktion in der einen durch zahlreiche Verflechtungen verbundenen, gleichzeitig aber tief zerspaltenen Welt. Es herrscht ein internationaler Konsens darüber, dass Schulsysteme Institutionen kontrollierter und veranstalteter Sozialisation sind“ (Dias 1992:77)“

Blickt man auf die Darstellung des Hinduismus in den Büchern für evangelischen Religionsunterricht, so lassen sich für ältere Bücher einige gravierende Defizite feststellen. Laut einem aktuellen Aufsatz (2015) von Antje Linkenbach lassen sich als Hauptkritikpunkte zusammenfassen:

* selektiv-einseitig: ausgehend von einer ethnozentrischen Perspektive der westlichen Industrieländer werden vor allem Defizite der „Anderen“ hervorgehoben;

* kontrastiv: die „Anderen“ erscheinen als idealtypischer Gegensatz, als Anfangs- oder frühes Stadium eines evolutionären Kontinuums;

* paternalistisch: die Diktion der Beschreibung spiegelt den Standpunkt der Überlegenheit gegenüber angeblich weniger weit fortgeschrittenen Kulturen;

* respekt-mangelnd: anderen kulturellen Lebensäußerungen wird umfassende Anerkennung verweigert;

* objektivierend: die „Anderen“ erscheinen als passiver Gegenstand. Sie werden nicht als soziale Akteure und Subjekte ihrer eigenen Geschichte dargestellt, Veränderungen können nur von außen kommen (z. B. ihre Gesellschaft ist von Stagnation geprägt, daher erscheint der Kolonialismus als notwendig für ihre Entwicklung). (Linkenbach 2015: 25)

Zwar hat sich in den neueren Schulbüchern Einiges verbessert, jedoch gibt es gerade in der Darstellung der Dalits noch viele Defizite. So wird der Hinduismus und auch die Vorstellung von Unberührbarkeit, Unrein und die Kastenordnung weniger aus der Perspektive der Dalits, als immer noch als ein ‚Herrschaftswissen‘ der oberen Kasten dargestellt.

–> Eine Aufgabe als Verein könnte auch sein, bei unseren Präsentationen darauf zu achten, dass wir nicht die alten Erklärungsmuster für Kaste reproduzieren, sondern immer wieder diese Darstellungen mit Selbstzeugnissen der Dalits durchbrechen. Außerdem können wir auch andere Vereine dafür sensibilisieren und immer wieder auch Bildungsmaterialien kritisch untersuchen.

Quelle: Antje Linkenbach: Weltreligion Hinduismus:Zur Konstruktion des Indienbildes in deutschen Schulbüchern, in: Dies./ Christoph Bultman (Hg.), Religionen übersetzen. Klischees und Vorurteile im Religionsdiskurs, Münster 2015, 23-43.

Analysierte Schulbücher:

*Kursbuch Religion. Sekundarstufe II
*Ortswechsel. Evangelisches Religionsbuch fürs Gymnasium
*Stationentraining Fernöstliche Religionen
*Weltreligionen Hinduismus
*Mensch und Raum Geographie
*Seydlitz Erdkunde 8

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